| |
|
|
Mitgliederversammlung 24.2.2012

Der KREISSENIORENRAT BODENSEEKREIS lädt ein!
Friedrichshafen (ws) – Der Kreisseniorenrat Bodenseekreis (KSR) lädt seine Mitglieder zur Mitgliederversammlung am Freitag, 24. Februar 2012, 09.00 Uhr in den großen Sitzungssaal (Säntissaal) des Landratsamtes Bodenseekreis, Albrechtstr. 77, nach Friedrichshafen ein.
Da keine Neuwahlen stattfinden, wird die Zeit nach dem offiziellen Teil ab ca. 10.30 Uhr für zwei hochaktuelle und brisante Vorträge genutzt.
.
Mehr …
.

Demenzkampagne I

Netzwerk Demenzkampagne präsentiert Programm
.
Friedrichshafen / lys Vorurteile abbauen und Berührungsängste nehmen möchte das Netzwerk Demenzkampagne Friedrichshafen. Sieben unterschiedliche Institutionen haben sich zu diesem Netzwerk zusammengeschlossen und gemeinsam an dem Projekt der Demenzkampagne, die von Januar bis Ende September dauert, gearbeitet. Herausgekommen ist ein Programm, das Veranstaltungen mit Informationen, Unterhaltung und Hilfestellungen anbietet. „Wichtig ist, dass wir nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen berücksichtigen“, erläuterte Karl-Heinz Jaekel vom DRK-Kreisverband die Ambitionen.
Die Diagnose Demenz bedeutet für Betroffene einen neuen Alltagsentwurf, dessen Ausmaß zu Beginn der Erkrankung nicht abzusehen ist. Es gibt Hilfen in emotionaler, sozialer und finanzieller Hinsicht. Mit der Demenzkampagne geht es den beteiligten Institutionen darum, ein öffentliches Forum zu schaffen. Mitwirkende sind Karl-Heinz Jaekel und Bruna Wernet vom Deutschen Roten Kreuz, Edgar Störk von der Caritas Bodensee-Oberschwaben, Gisela Harr von der Angehörigengruppe Menschen mit Demenz, Oliver Schoemann vom Klinikum Friedrichshafen, Wiltrud Bolien vom Landratsamt, Wilma Heiliger von der Stadt Friedrichshafen und Christa Winkler stellvertretend für den Seniorenrat der Stadt. „Es bedarf einer Menge Aufklärungsarbeit, bis Menschen mit und ohne Demenz sich im Alltag offen begegnen und Verständnis füreinander aufbringen“, heißt es vonseiten des Arbeitskreises.
Heute sind mehr als 2500 Menschen im Bodenseekreis an Demenz erkrankt, Tendenz steigend. Über 30 Prozent der 90-Jährigen sind davon betroffen und damit auch die Angehörigen, die ihre Verwandten zu Hause pflegen. Die Krankheit beginnt schleichend. Das Vertraute weicht nur langsam dem Unbekannten, der Verstand gibt auf und der Blick wirkt leer. „Für viele Angehörige ist das ein Grund, nicht mehr an die Öffentlichkeit zu gehen“, weiß Gisela Harr, die ihre Mutter jahrelang gepflegt hat. Sie ist sich sicher, dass das der falsche Weg ist. Deshalb seien die geplanten Veranstaltungen auch so aufgebaut, dass sie für jeden – ob direkt, indirekt oder gar nicht betroffen – von Interesse sind. Theater, Vorträge, Filme, eine Ausstellung, Konzerte, Wohlfühltage, eine Fasnetsveranstaltung und Lesungen finden sich im Programmheft.
Den Auftakt macht eine Lesung mit Tilmann Jens, dessen Vater Walter Jens, der bekannte Tübinger Altphilologe und Literaturhistoriker, von der Krankheit betroffen war. Seine Familie hatte beschlossen: „Wir werden sein Leid nicht verstecken.“
Die Beteiligten der Demenzkampagne wollen nach Ablauf des Projekts Bilanz ziehen. „Mit einem Projektjahr ist es nicht unbedingt getan“, vermutet Karl-Heinz Jaekel.
Quelle: Schwäbische Zeitung, Erschienen: 18.01.2011, 18:15
.
Bei der Demenzkampagne ziehen die Vertreter der beteiligten Institutionen an einem Strang. (Foto: lys) 
Demenzkampagne II

Friedrichshafen 19.01.2011
.
Gemeinsam an einem Strang
.
„Begleitung und Betreuung bei Demenz“ ist ein Thema, bei dem eine Vernetzung dringend geboten ist und alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssen – nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass dieses Krankheitsbild durch die demografische Entwicklung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Auch in der Region sind die Zahlen alarmierend. Allein im Landkreis sind derzeit etwa 2000 Menschen dementiell erkrankt.
Mit der „Demenzkampagne Friedrichshafen“ gehen jetzt sieben Netzwerkpartner einen konsequenten, zukunftsgerichteten Schritt, um die Lebenssituation von Betroffenen und ihren Angehörigen nachhaltig zu verbessern, aber auch, um alle Einwohner hinsichtlich dieser Krankheit zu sensibilisieren. Mit im gemeinsamen Boot sind der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes, die Caritas Bodensee-Oberschwaben, die Angehörigengruppe von Menschen mit Demenz, das Klinikum Friedrichshafen, das Landratsamt, die Stadt Friedrichshafen und der Stadtseniorenrat. Die Kampagne wird mit Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung gefördert und durch die Aktion Demenz fachlich begleitet.
„Alleine kann keiner etwas bewegen“, bringt Karl-Heinz Jaekel vom Deutschen Roten Kreuz die Motivation auf den Punkt. Die Zielsetzung ist klar: Information soll im Vordergrund stehen, Beratung und niederschwellige Betreuung, aber auch Öffentlichkeitsarbeit. „Wir wünschen uns, dass die pflegenden Angehörigen Hilfe Dritter in Anspruch nehmen und entsprechende Entlastung suchen – bevor sie selbst ausgebrannt sind und keine Energie mehr haben“, so die Intention.
Die Angebotspallette umfasst ein breites Spektrum von konkreten Hilfen, zum Beispiel ambulante Betreuungsgruppen, organisierte Nachbarschaftshilfe, Kurzzeitpflege oder Pflegekurse, aber auch Besuchsdienste, regelmäßige Gesprächskreise für Angehörige oder bedarfsgerechte Wohnmöglichkeiten – nicht zuletzt medizinische Hilfen im Rahmen des Geriatrischen Schwerpunkts am Häfler Klinikum. Auch finanzielle Fördermöglichkeiten können ausgelotet werden.
Dass es vieler guter und kreativer Ideen sowie einem großen Maß an Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit bedarf, um die Krankheit Demenz aus ihrem Stigma herauszuholen, dessen ist man sich bewusst. Visionen sind in diesem Zusammenhang nicht nur erlaubt, sondern auch wünschenswert.
Warum sollte es nicht möglich sein, dass sich Menschen mit und ohne Demenz im Alltag offen begegnen und sich Hilfestellung geben oder Erkrankte und Angehörige ganz selbstverständlich am gesellschaftlich-kulturellen Leben der Stadt teilnehmen?
„Nur gemeinsam können wir dem Ziel einer demenzfreundlichen Kommune ein gutes Stück näher kommen“, sind sich alle sieben Netzwerkpartner sicher.
Bild: Geiselhart
Gemeinsam an einem Strang ziehen wollen die sieben Netzwerkpartner der „Demenzkampagne Friedrichshafen“ (von links): Angela Schneider, Wiltrud Bolien, Oliver Schömann, Bruna Wernet, Wilma Heiliger, Gisela Harr, Christa Winkler, K.-Heinz Jaekel, Edgar Störk.
Quelle: SÜDKURIER 19.01.2011

Bitte nicht bevormunden
.
Wenn Vater oder Mutter nicht mehr sicher Auto fahren, ist das für Angehörige schwierig. Die wenigsten Senioren möchten sich dazu etwas sagen lassen. Wie man das Thema aufbringt, ohne allzu viel Porzellan zu zerschlagen.
.
Was tun, wenn der eigene Vater nicht mehr sicher am Steuer ist? Angehörige sollten ihre Sorgen mit Fingerspitzengefühl äußern. Sonst kann es sein, dass der Vater ein Gespräch blockiert. Hans R. war etwas bleich, als er aus dem Auto seines 78-jährigen Schwiegervaters stieg. Kurz zuvor hätte es um ein Haar gekracht, weil der Rentner einem anderen Fahrer die Vorfahrt genommen hatte. Nur durch eine Vollbremsung hatte der andere Pkw-Lenker einen Unfall verhindern können.
.
In vielen Familien taucht früher oder später die Frage auf, ob die Eltern oder Großeltern dem Straßenverkehr noch gewachsen sind. Angehörige fühlen sich oft verantwortlich, wissen aber nicht, was sie tun können, ohne den Senior zu kränken. „Das Thema birgt ein enormes Konfliktpotenzial“, sagt der Verkehrspsychologe Prof. Bernhard Schlag von der TU Dresden.
.
Manche Senioren können die Kritik ihrer Angehörigen nicht nachvollziehen und fühlen sich deshalb angegriffen. Daher empfehlen Experten, einen unbeteiligten Dritten einzuschalten: Etwa den Hausarzt, der den Senior auf seine Fahreignung hin untersucht oder ein Fahrlehrer, der mit ihm eine Probestunde unternimmt. Auch TÜV, Dekra und ADAC bieten entsprechende Checks an. Manchmal helfen auch ein paar Fahrstunden. Oft sind es ältere Damen, die lange nicht am Steuer saßen: In vielen Ehen ist es normal, dass nur der Mann fährt. Wenn er stirbt, fehlt den Frauen die Fahrpraxis.
.
Doch all das funktioniert nur, wenn Senioren kooperieren. Daher kommen die Angehörigen nicht um ein Gespräch herum. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, wie Burkhard Gerkens vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat betont. „Sätze wie 'Du kannst nicht fahren!' sollte man meiden“, rät der Referent für ältere Verkehrsteilnehmer. „Besser sagt man etwas wie: 'Wir haben Angst, dass dir etwas passieren könnte.'“
.
In extremen Fällen bleibt nur eines, nämlich die Verkehrsbehörde zu informieren. Der Anrufer muss dann aber eine konkrete, gefährliche Situation benennen – zum Beispiel, dass der Vater beinah als Geisterfahrer auf die Autobahn geraten wäre. Nach einer solchen Meldung muss die Behörde die Fahrfitness des Seniors überprüfen. Schlimmstenfalls ist der Führerschein dann weg.
.
Ohne Auto auszukommen ist für alte Menschen, gerade auf dem Land, oft sehr hart. Es bedeutet eine starke Einschränkung der Mobilität und Selbstständigkeit, was oft auf Kosten der Lebensqualität geht. Dessen ist sich der Verkehrspsychologe Egon Stephan von der Universität Köln bewusst, der als Leiter der Obergutachtenstelle Nordrhein-Westfalen in letzter Instanz die Fahreignung beurteilt.
.
Er setzt sich dafür ein, dass Senioren im Einzelfall den Führerschein unter Auflagen behalten dürfen – zum Beispiel nur im näheren Umkreis ihres Wohnorts fahren dürfen. In einem Fall setzte er eine stark beschränkte Fahrerlaubnis für eine fast 90-jährige Dame durch, der nach einem Unfall der Führerschein entzogen worden war. „Es ging nur um das Befahren einer einzigen Straße. Aber das Befahren dieser Straße war für sie existenziell wichtig.“ Die Dame wohnte nämlich hoch oben am Berg und musste oft ins Tal, um Ärzte und Geschäfte zu erreichen. Individuelle Lösungen wie diese nützten auch der Gesellschaft, sagt er: Sie helfen alten Menschen, ihre Selbstständigkeit länger zu erhalten.
.
SUEDKURIER Nr. 35 MP, 12.2.2010, S. 14 (Angela Stoll)

Alter schützt vor Tatkraft nicht
In 15 Jahren werden die Baden-Württemberger 4,5 Jahre älter sein als heute, dann 46,5 Jahre. Exakt diesen Altersdurchschnitt hat Überlingen heute schon. Altes Überlingen? Andreas Kruse, Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung und Ursula Lehr, Ex-Familienministerin, sehen in der älter werdenden Gesellschaft kein Problem. Beim Neujahrsempfang des Augustinums betonten sie, dass das Alter selbst den demografischen Wandel bewältigen könne.
.
Überlingen – „Ein wachsender Anteil älterer Menschen ist nicht nur mit einem Mehr an Krankheit und funktionellen Einschränkungen verbunden, sondern auch mit einem Zuwachs an Wissen, Erfahrung und Kompetenz.“ Das sagte Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung bei einem Vortrag im Augustinum Überlingen. Anlässlich des Neujahrsempfangs sprachen Kruse und die frühere Bundes-Familienministerin Ursula Lehr über den „Demografischen Wandel als gesellschaftspolitischer Auftrag“. Sie plädierten für ein verändertes kulturelles und politisches Verständnis des Alters.
.
Kruse: „Wenn man die Chancen des Alterns erkennt, dann wird die Gesellschaft aufhören, das Alter zu diskriminieren.“ An Oberbürgermeisterin Sabine Becker, die beim Neujahrsempfang ein Grußwort sprach, appellierten sie, das Potenzial der älter werdenden Bürger zu nutzen.
Dass Alter relativ ist, machte die Sozialwissenschaftlerin Lehr, die in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feiern wird, gleich in ihrer Begrüßungsformel deutlich: „Liebe Jugend von gestern, liebe Senioren von morgen“, sprach sie – und erinnerte daran, dass Alt-Sein heute sich anders gestaltet als noch vor 50 Jahren. 1960 hätten Seniorenheime eher den Charakter von Asylen gehabt und Pflegeheime hießen „Bewahranstalten“. Vor 50 Jahren hätten Mediziner falsche Vorstellungen vom Altern gehabt, damit nur Abbau und Verlust verbunden. Heute habe man erkannt, dass Altern gleichzusetzen ist mit Entwicklung, mit Veränderung und Lernen – bis zum letzten Atemzug.
.
Der Anteil der über 80-Jährigen in Deutschland werde sich in den nächsten 30 Jahren verdreifachen, sagte Lehr. Auch die Zahl der Hundertjährigen nehme stark zu. Während der Bundespräsident im Jahre 1965 nur 265 Hundertjährigen gratulieren durfte, feierten 2009 schon 4443 ihren Hundertsten.
.
„Doch je älter wir werden, desto weniger sagt die Zahl etwas über unsere Leistungsfähigkeit aus.“ Lehr berichtete von der Geburtstagsfeier einer 102-Jährigen. Eingeladen waren sie (Lehr), der 80-jährige Sohn der Jubilarin und eine 56-jährige Enkelin. Als der 80-Jährige am Kaffeetisch zu viel plauderte, habe ihn seine 102-jährige Mutter ermahnt: „Bernhard, benimm Dich, sonst stecke ich Dich ins Altersheim.“ Dazu Lehr, begleitet vom Gelächter ihrer Zuhörer: „Auch das ist demografischer Wandel.“
.
Die Zahlen an sich seien nicht bedrohlich, sagte Professor Andreas Kruse, Ehemann von Sylvia Kruse-Baiker (Direktorin des Augustinums Überlingen). Der demografische Wandel könne bewältigt werden, vor allem von den älteren Menschen selbst, sofern sie Selbstverantwortung und Mitverantwortung dafür entwickelten. Wer will, dazu auch finanziell und gesundheitlich in der Lage ist, solle länger arbeiten dürfen, sagte Kruse.
.
Wer kann und will, solle verstärkt bürgerschaftliches Engagement beweisen. „Dies erfordert aber auch eine veränderte Ansprache älterer Menschen in der Kommune“, sagte Kruse an die Adresse der Oberbürgermeisterin. Einerseits müsse die Kommune an die Mitverantwortung appellieren, andererseits Möglichkeiten zum bürgerschaftlichen Engagement bereitstellen.
.
Kruse: „30 Prozent der Menschen über 70 Jahre würden sich bürgerschaftlich gerne mehr engagieren – wenn man sie denn riefe.“
*******************************************************************************
SÜDKURIER NR. 12/UE, S. 17, 16. Januar 2010, von Stefan Hilser
*******************************************************************************
|

„Wir brauchen kein Jugendzentrum“
.
„Die Stadt braucht ein Generationenzentrum, kein Senioren- oder Jugendzentrum“: Das sagen die Altersforscher Ursula Lehr und Andreas Kruse im Interview. Es geht um die Frage, wie eine Kommune auf die älter werdende Gesellschaft reagieren sollte.
Frau Professor Lehr, die Menschen werden immer älter, wollen aber eigentlich immer jünger sein. Welches Bild haben wir Jungen vom Alt sein?
.
Lehr: Wollen ältere Menschen wirklich immer jünger sein? Es gibt durchaus viele ältere Menschen, die Ja sagen zum Älterwerden und die durchaus mit einer gewissen Zufriedenheit zurückblicken auf die Zeit, die hinter ihnen liegt. Wir wollen ja nicht ewig jung sein, sondern wir wollen durchaus älter werden, aber möglichst kompetent und gesund älter werden.
.
Kruse: Unsere Gesellschaft assoziiert mit Alter primär körperliche Einschränkungen und Verluste. Was wir hingegen viel zu wenig mit hohem Lebensalter verbinden, sind mögliche seelisch-geistige Wachstumsprozesse, mögliche seelisch-geistige Stärken.
.
Und wie sehen die Alten das Alter?
.
Kruse: Viele Hochbetagte sagen: Für uns stellen die körperlichen Einbußen eine seelische Belastung dar, aber: Wenn ihnen deutlich wird, dass sie gebraucht werden, dass sie in unserer Gesellschaft tatsächlich ein mitverantwortliches Leben führen können, nun, dann können sie sogar sehr schwere Erkrankungen deutlich besser bewältigen.
.
Frau Lehr, in den 80er Jahren sind Sie als Familienministerin bei Ihrer eigenen Partei, der CDU, gegen die Wand gerannt mit der Forderung, Betreuungsplätze für unter Dreijährige zu schaffen. Wie groß ist Ihre Genugtuung, dass das mittlerweile zum Standard gehört?
.
Lehr: Ich bin froh darüber und habe darin auch Frau von der Leyen sehr unterstützt. Allerdings muss man feststellen: Ich hatte gefordert, Kindergärten für Zweijährige und Ältere zu öffnen. Dass dies jetzt sogar praktisch vom ersten Lebensjahr an möglich ist, begrüße ich.
.
Und wie stehen Sie zur so genannten Herdprämie, dem Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Tagesstätte schicken?
.
Lehr: Darin sehe ich ein Problem. Denn wir wissen, dass es für Kinder von klein an notwendig ist, nicht nur betreut zu werden, sondern auch die richtige Form der Anregung zu finden, vor allen Dingen auch mit Gleichaltrigen zusammenzukommen. In unserer kinderarmen Gesellschaft finden Sie ja Kinder nur noch im Kindergarten.
.
Herdprämie hin, Elterngeld her: Die Zahl an Neugeborenen wird dennoch kaum wachsen und die Gesellschaft unaufhaltbar älter. Ist das für Sie aus wissenschaftlicher Sicht eine Horrorvorstellung?
.
Kruse: Für uns ist die wachsende Anzahl alter Menschen kein Problem. Im Gegenteil: Es ist von großem gesellschaftlichem Nutzen und Wert, eine wachsende Anzahl älterer Menschen zu haben. Problematisch am demografischen Wandel ist die Tatsache, dass wir immer weniger Kinder haben. Daraus ergeben sich wirklich Probleme für unsere Gesellschaft.
.
Lehr: Das gehört eben zum demografischen Wandel dazu. Unser Problem ist nicht die Überalterung, wir haben nicht zu viele Alte, sondern zu wenig Junge, also nicht nur die Überalterung, sondern eine Unterjüngung.
.
Was muss die Gesellschaft tun, damit wieder mehr Kinder geboren werden?
.
Kruse: Familie und Beruf müssen viel besser miteinander verbunden werden. Ich halte zum Beispiel die entsprechenden Zertifizierungsprogramme des Bundesfamilienministeriums für eine gute Strategie, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Es darf heute nicht mehr vorkommen, dass Frauen - und ich möchte ausdrücklich hinzufügen: Männer - vor der Alternative stehen: Familie oder Beruf.
.
Lehr: Dazu gehört auch, dass wir viel mehr deutlich machen müssen: Kinder machen Freude, Kinder bereichern das Leben. Wobei ich auch betonen möchte: Bei der Frage nach der Verbindung von Familie und Beruf darf man sich nicht nur auf berufstätige Mütter von Kindern beschränken. Diese Frage bedeutet auch, Beruf und Pflege unter einen Hut zu bringen. Denn unter den berufstätigen Frauen gibt es mehr Frauen, die sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern als berufstätige Frauen, die Kinder unter sechs Jahren haben.
.
Wie können sich Kommunen auf eine alternde Gesellschaft vorbereiten?
.
Kruse: Erstens: Es ist die allerwichtigste Aufgabe, dass man ältere Menschen viel stärker als aktiv handelnde Bürgerinnen und Bürger anspricht. Es gibt ja viele Bereiche kommunaler Verantwortung, beispielsweise im Bereich der Bildung oder der Kultur, die man genauso gut auch in der Selbstorganisation älterer Menschen betreiben könnte. Ältere verfügen über Zeit, über differenziertes Wissen, über wertvolle Erfahrungen.
.
Und zweitens?
.
Kruse: Es gibt keine Generation, die im Durchschnitt so hohe finanzielle Ressourcen besitzt wie die ältere Generation - auch in Bezug auf diese Ressourcen kann und soll man innerhalb der Kommune an die Mitverantwortung, die Solidarität Älterer appellieren. Drittens: Wir finden heute unter den älteren Menschen hohe Bereitschaft, in die eigene Gesundheit, in die Freizeit, in das eigene Wohnen zu investieren. Das heißt: Ältere sollten als interessante Kundengruppe angesprochen werden - dies geschieht in Deutschland, verglichen mit Japan oder den USA, in zu geringem Maße.
.
Wie finden die Generationen wieder mehr unter einem Dach zusammen?
.
Kruse: Eine Kommune muss vermehrt darauf achten, dass sie ein generationenübergreifendes Konzept hat. Wir brauchen kein Jugendzentrum, kein Seniorenzentrum mehr, wir brauchen Generationenzentren. Auf diese Weise fühlen sich eben auch ältere Menschen gesellschaftlich eingebunden, in positiver Hinsicht gefordert.
.
Das hört sich nach einem Schatz an, der nur gehoben werden muss. Werden da Krankheit und Abbau nicht ausgeklammert?
.
Kruse: Wir werden zunehmend mit chronischen Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit, vor allem mit Demenz konfrontiert werden. Eine Kommune muss sich auch mit der Frage beschäftigen, wie sie fachlich, aber auch ethisch anspruchsvolle pflegerische Angebote unterbreiten kann.
.
Haben Sie den Eindruck, dass Überlingen da auf der Höhe der Zeit ist? Nutzt Überlingen die Potenziale?
.
Kruse: Was mir gut gefällt, ist Überlingens Agenda-21-Plan aus dem Jahre 2003. Dieser vom damaligen Gemeinderat verabschiedete Plan macht deutlich, dass sich Überlingen als eine Kommune aller Generationen versteht. In dem Papier findet sich zudem die Aussage, dass wir das Alter auch als Wirtschaftsfaktor begreifen müssen. Meiner Meinung nach kann und sollte man auch den Dienstleistungsbereich für Ältere, was Tourismus und Kurangebote, Rehabilitations- und Wellness-Angebote angeht, erkennbar steigern. Noch stärker könnte der bereits angesprochene Begegnungsaspekt zwischen den Generationen betont werden. Auch diese Frage muss immer wieder neu beantwortet werden: Inwiefern binden wir eigentlich ältere Generationen in das öffentliche Leben ein? Hier sollten wir kräftig nachlegen.
.
Und wenn es um die Organisation des Alltags geht: Ist Überlingen diesbezüglich für ältere Menschen attraktiv?
.
Kruse: Was wir grundsätzlich kritisch betrachten: Wenn Innenstädte bestimmte Dienstleistungsangebote nicht mehr vorhalten können. Das ist für ältere Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, höchst problematisch. Eine interessante Strategie wäre es, bestehende Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt systematisch zu fördern und auszubauen und dabei eben auch die ältere Generation als kaufkräftige Generation anzusprechen. Dies wird in Überlingen nur in Teilen verwirklicht.
.
Was attraktiv für alte Leute ist, stört vielleicht die jungen, macht Überlingen nicht jünger. Gibt es da einen Zwischenweg?
.
Kruse: Das Interessante ist, dass wir solche Generationenkonflikte in unserem Lande, in unserer Region nicht finden. Unsere These lautet vielmehr: Wenn ihr die Kaufkraft älterer Menschen nutzt, ist das eben nicht eine Strategie gegen die junge Generation, sondern immer auch für diese: Denn hiermit werden finanzielle Ressourcen erschlossen, durch die neue Arbeitsplätze entstehen.
******************************************************************************************
Fragen und Bilder:: Stefan Hilser ### SÜDKURIER NR. 12/UE S. 18, 16. Januar 2010
******************************************************************************************
Bilder: Frau Ursula Lehr, Herr Andreas Kruse

|

Depressionen im Alter

Wenn Opa traurig ist
Die Tage grau und ohne Hoffnung: Viele ältere Menschen leiden an psychischen Störungen und sollten sich behandeln lassen.
Wenn Lisa an ihre Oma denkt, dann sieht sie eine unglückliche Frau vor sich. Je älter ihre Großmutter wird, umso trauriger ist sie. Die 89-Jährige geht fast nie aus dem Haus, sitzt stundenlang grübelnd in ihrem Sessel. Gegen ihre Schlafstörungen hat sie vom Hausarzt Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Aber Lisa glaubt: Die Tabletten sind keine richtige Hilfe. Ihre Oma ist depressiv. Eine Behandlung beim Psychologen kann sich die Rentnerin aber nicht vorstellen: „Wenn das die Nachbarn mitbekommen. Ich bin doch nicht irre.“
Lisas Oma ist alles andere als ein Einzelfall: Jeder vierte Mensch über 65 Jahre leidet einer wissenschaftlichen Arbeit der Universität Zürich zufolge an einer psychischen Störung. Auf der anderen Seite sind jedoch nur 0,2 bis zwei Prozent der Patienten in psychotherapeutischen Praxen älter als 60 Jahre. Für die Therapeuten ist dieses Missverhältnis schwer nachvollziehbar, schließlich kann eine Therapie Menschen in jedem Alter helfen. Es scheint auch nicht so zu sein, dass die Ärzte die Probleme ihrer Patienten nicht kennen.
Schließlich nimmt laut Statistiken jeder vierte Mensch über 70 verschreibungspflichtige Psychopharmaka. „Neben einer Demenz gehören Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, an denen ältere Patienten leiden“, sagt die Psychotherapeutin Cathrin Raasch aus Wiesbaden, die auch in der Geriatrie arbeitet. Laut Studien sind 3 bis 4 Prozent der Über-65-Jährigen an einer schweren depressiven Störung erkrankt, 13 Prozent an einer leichteren. Warum gehen so wenige zum Psychotherapeuten? „Dafür gibt es viele Faktoren.“ Viele Betroffenen würden diese Behandlungsform nicht in Erwägung ziehen. Erst die Jahrgänge ab 1945 stünden der Psychotherapie offener gegenüber.
Hinzu kommt, dass die Betroffenen häufig die Symptome etwa einer Depression nicht erkennen und keinen Arzt aufsuchen. Oder der Doktor diagnostiziert die psychische Erkrankung nicht. „In der älteren Generation ist das Wissen über Psychotherapie oft noch zu wenig verbreitet“, ergänzt Nikolaus Melcop, Psychotherapeut aus Landshut.
Werden Betroffene nicht behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Vor allem bei Männern steige mit dem Alter das Suizidrisiko, warnt Melcop, der Präsident der bayerischen Psychotherapeutenkammer ist. Depressionen zählen zu den Hauptursachen für einen Suizid. Aber auch wenn die psychische Krankheit nicht so gravierend ist, kann sie zu erheblichem Leid führen. „Ältere Menschen klagen häufiger über Angst- und Schlafstörungen, bei einigen kommen traumatische Erlebnisse etwa aus dem Krieg wieder hoch.“
„Die Gründe für die Verstimmungen sind vielfältig und individuell“, erläutert Maria Gropalis, Diplom-Psychologin an der Institutsambulanz für Psychotherapie der Universität Mainz. Viele Menschen haben zum Beispiel Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt. Zudem verändert sich das Leben mit dem Ausstieg aus dem Beruf oft grundlegend, manchmal kommen Krankheiten hinzu oder der Tod des Ehepartners. Eine Therapie könne helfen, mit der veränderten Lebenssituation besser klar zu kommen.
„Für alte Menschen ist es beispielsweise wichtig, sich Ziele im Leben auszuwählen und diese dann zu optimieren“, sagt die Therapeutin. Der Leitsatz sollte sein: „Wie komme ich mit den Fähigkeiten, die ich habe, gut zurecht, und welche Hilfsmittel kann ich nutzen.“ Die Kunst sei, altersgemäß aktiv zu bleiben. „Es müssen ja nicht mehr die drei Fernreisen im Jahr sein, sondern stattdessen Ausflüge in die Umgebung“, rät Gropalis.
Ob der Opa oder die Schwester an Depressionen erkrankt ist, können Angehörige daran merken, „dass die Person sehr anders ist als sonst“, erklärt Raasch. „Die Betroffenen sind häufig extrem reizbar, wehleidig, sehr ängstlich und meiden soziale Kontakte.“ Den Alltag zu bewältigen, bereite ihnen zunehmend Probleme, manchmal wird die Körperpflege vernachlässigt.“ Hat man diese Befürchtung, spricht man sie besser an. „Dabei sollte man eher nicht sagen 'Du bist nicht in Ordnung', sondern 'Ich mache mir Sorgen um Dich'.“
Andrea Löbbecke
SÜDKURIER, 9. Januar 2010
Weitere Infos im Internet: www.psychotherapiesuche.de und www.vpp.org

Wohnen rückt in Mittelpunkt
Die Gruppe der Menschen über 65 Jahren wird in den nächsten Jahren stark ansteigen. Das Thema „Wohnen im Alter“ wird im Bodenseekreis immer relevanter, legt Sozialdezernent Andreas Köster dar.
Bis 2050 könnte sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Bodenseekreis verdoppeln.
„Wenn man das Wort ‚Alter‘ hört, dann denkt man zuerst einmal an Dinge wie Krankheit, Pflege und Abhängigkeit“, sagt Andreas Köster. „Dabei ist das Alter kein Thema, das man tabuisieren sollte. Wir müssen versuchen, auch die positiven Seiten zu sehen. Und ich habe das Gefühl, dass man da ein Umdenken in der Gesellschaft spüren kann.“
Denn wenn man heute 65-Jährige nach ihrem Traum vom Wohnen im Alter fragt, sagen die meisten: Ich bin doch noch viel zu jung fürs Heim. „Die 65-Jährigen von heute fühlen sich alles andere als alt“, sagt Friedhelm Hensel, Leiter des Kreissozialamtes: „Deren Alltag ist nicht mehr mit Krankheiten oder Arztbesuchen belegt. Die wollen segeln und golfen und ihre Freizeit aktiv gestalten.“
Auch Harald Leber, Vorsitzender des Kreisseniorenrates, sieht beim Thema Wohnen im Alter einen deutlichen Wandel in der Gesellschaft: „Ältere Menschen sind heute viel mobiler, sie sind aktiv und interessiert und wollen teilhaben an der Gesellschaft.“ Und weiter: „Die meisten von ihnen wollen so lange wie möglich ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu Hause führen. Da muss man einfach schauen, dass die Umgebung so gestaltet wird, dass man den Bedürfnissen der älteren Menschen gerecht wird.“
Der Anstieg der Gruppe älterer Menschen stellt den Kreis auch vor ein finanzielles Problem: Momentan leben 42 200 Menschen über 65 Jahre im Bodenseekreis, im Jahr 2025 werden es schon 52 000 sein. Zum Vergleich: Die Zahl der unter 15-Jährigen wird dann bei 27 000 liegen – also knapp bei der Hälfte.
Auch wenn sich die meisten Senioren heute sehr viel rüstiger fühlen als noch vor 20 Jahren, wird die Zahl der Pflegebedürftigen steigen: Prognosen gehen bis 2040 von einem Anstieg von bis zu 58 Prozent aus. „Das ist auch eine Frage der Finanzierung“, sagt Andreas Köster. „Es ist ja schon heute so, dass die Menschen immer älter werden: Vor gut 20 Jahren lag das Durchschnittsalter in den Pflegeheimen bei rund 66 Jahren, mittlerweile liegt der Durchschnitt bei über 80.“ Wenn sich die Bevölkerung ähnlich entwickelt wie in den vergangenen Jahren, könnten bis 2050 schon doppelt so viele Pflegeplätze benötigt werden. „Das Geld dafür muss man erst mal aufbringen.“
Harald Leber vom Kreisseniorenrat warnt ebenfalls vor diesem Problem: „Die Lösung kann ja nicht sein, dass wir immer mehr Heime bauen.“ Schon jetzt sei bei den Heimen die Konkurrenz spürbar. „Und wenn wir zu viele bauen, stehen sie am Ende leer.“ Er selbst könnte sich gut vorstellen, später in ein Mehrgenerationenhaus zu ziehen: „Gemeinsam mit Jung und Alt zu wohnen – das stelle ich mir ungeheuer belebend vor.“
Auch Andreas Köster begrüßt die Zunahme von privaten Initiativen und Modellprojekten, die sich in den vergangenen Jahren im Kreis entwickelt haben: „Man muss das Ganze auch unter dem gesundheitlichen Aspekt sehen. Es kann auch kontraproduktiv sein, dem Menschen alle Arbeiten wegzunehmen“, sagt er. „Wer keine Aufgabe hat, der rostet ein. Ich sage es mal ganz provokant: Warum sollen Menschen im Altersheim nicht mit kochen dürfen?“
SÜDKURIER vom 12.11.2009 
"Wohnen in der Gemeinschaft - Neue und differenzierte Wohnformen für das Alter"
Abgesang auf „Monokulturen“
.
Eigentlich, so sollte man meinen, ist das Altern doch ein Thema, über das man nicht so gerne nachdenkt. Das man gerne vor sich herschiebt, so lange, bis es nicht mehr anders geht. Und eine Veranstaltung mit dem Titel „Wohnen im Alter“, so viele Besucher kann die doch eigentlich gar nicht haben, oder? Doch weit gefehlt: Zum Fachsymposium mit genau diesem Thema, zu dem die Architektenkammer Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Landratsamt Bodenseekreis in der Volkshochschule Friedrichshafen eingeladen hatte, kamen am Freitagnachmittag über 100 Besucher – so viele, dass die Veranstalter einige Gäste mit großem Bedauern wieder nach Hause schicken mussten. „Wir sind total baff“, sagte Fritz Hack, Vorsitzender der Kammergruppe Bodenseekreis. „Mit so viel Interesse an unserem Symposium haben wir gar nicht gerechnet.“
Doch ganz offensichtlich hatten die Veranstalter mit ihrem Programm genau den Nerv der Zeit getroffen – wie der Andrang deutlich zeigte. Den Beginn der Veranstaltung machte Stefanie Eberding, Professorin für Architektur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, mit einem Impulsreferat zum Thema Wohnen im Alter. Kleiner Wermutstropfen dabei: Zwar war ihr Vortrag interessant, doch wollte die Richtung, die er versprochen hatte, nicht so recht halten. Anstatt unterschiedliche Konzepte für das Wohnen im Alter aufzuzeigen, geriet ihre Präsentation eher zu einer Art Vorführung ihrer eigenen Projekte der vergangenen Jahre.
Einer gänzlich anderen Perspektive ging Sigrid Kallfass, Professorin für Soziologie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, nach. In einem Forschungsprojekt zum Thema „Nachbarschaftsförderung im Quartier“ geht sie vor allem der Frage nach, ob sich das bisherige Konzept von Nachbarschaft in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch herstellen – und auch auf Dauer halten – lässt.
Ein Punkt, der auch in der Diskussionsrunde im Anschluss kontrovers debattiert wurde: Neben den beiden Referentinnen saßen auch Sozialdezernent Andreas Köster, Gerhard Schiele von der Stiftung Liebenau und Ingrit Richters vom Verein „Aufwind“ auf dem Podium, die Moderation übernahm Ulrike Felder-Rhein vom SWR.
Und bei einer Sache waren sich alle Podiumsteilnehmer schnell einig: Auch das Wohnen im Alter braucht Gemeinschaft. „Die Lebensqualität steigt durch soziale Kontakte, und zwar generationsübergreifend“, sagte Gerhard Schiele. Denn eines hätten die letzten Jahre immer wieder gezeigt: „Monokulturen sind einfach nicht mehr lebensfähig.“ (kat)
.SÜDKURIER 31.10.2009 
Wohnen im Alter
Angemessenes Wohnen im Alter bedeutet, selbstständig und unabhängig zu leben. Darüber hinaus ist es besonderschön, wenn dies in einer größeren Gemeinschaft stattfindet. Die Architektenkammer Bodenseekreis stellte gestern durch die Architektin Prof. Stefanie Eberding und Prof. Dr. Sigrid Kallfass neue differenzierte Wohnformen für das Alter vor.
(FRIEDRICHSHAFEN/reb) "Bauen heißt wohnen, und wohnen heißt bleiben", zitiert der Vorsitzende der Kammergruppe Bodenseekreis Fritz Hack, den Philosophen Martin Heidegger. Die Frage der wissenschaftlichen Tagung "Leben in der Gemeinschaft -Neue und differenzierte Wohnformen für das Alter" lautet: Wie baut man, damit sich alte Menschen wohl fühlen können und in einer für sie entworfenen Einrichtung bleiben wollen? Die Antwort auf diese Frage ist sowohl architektonisch als auch sozialplanerisch etwas umfassender.
Für den Aspekt der Räumlichkeiten ist die Architektin Prof. Stefanie Eberding aus Stuttgart zuständig, die ihren Plan vom Wohnen im Alter anhand bereits realisierter eigener Projekte verdeutlicht. Eine der Voraussetzungen für sie ist der Punkt der Integration. Der Bewohner sollte private Räume haben, in die er sich zurückziehen kann, er muss aber auch die Chance bekommen, sich in den Alltag der Mitbewohner zu integrieren. Geeignet dafür ist ein zentraler und neutraler Aufenthaltsbereich, der den Charakter eines Dorfplatzes hat -- wie der im Seniorenzentrum in Ravensburg.
Unerlässlich ist auch der Naturbezug. So grenzen die meisten Projekte der Architektin an einen Park oder Naturschutzgebiet. Auch lässt sie die Räume durch viele Pflanzen und diverse Gärten "vergrünen". Stimmen müssen unter allen Umständen die Lichtsituation und die Luftverhältnisse. In einem optimalen Wohnheim leben die Betreuer mit den alten Menschen wie in einer WG zusammen, in der auch die Bedürfnisse von Demenzkranken berücksichtigt sind. "Das Ziel ist, zusammen alt zu werden, das Stichwort ist Integration und nicht Ausgrenzung", schließt Stefanie Eberding.
Genau dieser Inhalt findet sich auch sozialplanerisch betrachtet im Projekt "Nachbarschaftsförderung im Quartier" wieder, das Prof. Sigrid Kallfass von der Hochschule Ravensburg-Weingarten vorstellt. "Wir gehen davon aus", so Sigrid Kallfass, "dass Teilhabe der zentrale Punkt im Leben alter Menschen ist." Und das lässt sich am besten durch Nachbarschaftsförderung erreichen. Gut funktionierende Nachbarschaften sind aufgrund des modernen Lebenswandels schwierig geworden und doch sind sie ein Grundstein für das menschliche Wohlbefinden und sogar die Gesundheit, denn schon die bekanntesten Soziologen wussten: "Der Mensch braucht die Vergemeinschaftung.“
Das Konzept des Quartiers umfasst allerdings alle Generationen, womit sich gerade alleinstehende ältere Menschen vom Leben nicht ausgeschlossen fühlen. Auch hier soll jeder so selbstbestimmend wie möglich bleiben. Zudem soll es Hauspaten geben, worunter man Bewohner versteht, die auf das Geschehen im Haus ein Auge haben und vertrauenswürdige Ansprechpartner für die Gemeinschaft sind. Sigrid Kallfass erläutert: "Wir versuchen eine aktive Nachbarschaft zu bilden, in der jeder Bewohner das Geben und Nehmen erlebt."
Stefanie Rebhan Schwäbische Zeitung 30.10.2009

|
|
|
|
|